1.15.9 Die letzten Kriegsjahre und danach
Margret Schacht
1940 sollte mein Bruder getauft werden. Unser Vater leistete seinen Kriegsdienst im Ruhrgebiet bei der Flak ab. Für den Taufsonntag hatte er Urlaub genommen. Morgens um 8.00 Uhr wartete Mutter schon. Um 10:00 Uhr meinte sie: "Wir müssen ohne Vater zur Kirche gehen." Mutter schob den Kinderwagen, ich ging daneben, Großeltern und Paten hinterher. An Kick`s Haus (Frank Marienhagen) kam uns Vater mit dem Fahrrad entgegen. Er stellte sein Rad an den Zaun, guckte in den Kinderwagen, er sah seinen Sohn das erste Mal, begrüßte uns und wir gingen zur Kirche. Es war ein schöner Taufsonntag, Vater durfte bis Montag bleiben.
In der Zeit wohnten Frau Steiger und Tochter Liesel bei uns mit im Haus. Frau Steiger war eine selbstbewusste Frau aus Hannover, ging nur mit Hut in das Dorf. In den heißen Sommermonaten wurden die Füße und Beine braun angetuscht. Die Strumpfnaht zeichnete Liesel mit einem dunklen Stift und Lineal auf die Wade. Wenn Frau Steiger zu ihrer Mutter mit dem Zug nach Duisburg fuhr, trug sie eine lange Hose. Für eine Frau für die damalige Zeit ziemlich ungewöhnlich. Als Begründung hatte sie: "Der Zug ist überfüllt, mit langer Hose kann ich aus dem Fenster klettern". Dann kam noch Frau Meyer aus Hannover dazu. Herr Meyer arbeitete in der Conti, besuchte seine Familie nur zum Wochenende. Die beiden Töchter, Hannelore war in meinem Alter, Sigrid ein sechs Wochen altes Baby. Sie war sehr klein und unterernährt. Mit Ziegenmilch und Ziegenbutter wurde Sigrid zum stattlichen Mädchen. Wir hatten noch lange Kontakt.
Viele Leute kamen aus der Stadt zum Hausieren. Eine Scheibe Brot, ein Ei oder eine Speckschwarte zu bekommen war ein Erfolg. Bekannte Leute wurden zusehends schmaler. Holländer kamen auch noch zu uns. Wir hatten nur noch ein Zimmer. Gekocht wurde mit in unserer Küche. Durch Familie Falke (Steinhoff) gerieten wir an Familie Lenzner aus Wilhelmshafen. Sie hatten ein Geschäft für Herrenbekleidung und Marineausstattung, es existiert heute noch. Die Holländer waren wieder ausgezogen, ein Zimmer war frei geworden. Dieses mieteten Lenzner`s und packten es voll mit Ware. Frau Lenzner wohnte bei Falke`s mit ihren Kinder, Helga und Klaus.
Zu Weihnachten wurde der Tannenbaum auf den Flur gestellt, damit ihn alle sehen konnten. Die Kerzen wurden nur kurz angesteckt, sie sollten nächstes Jahr auch noch reichen. Waren Kerzen zu weit runtergebrannt, wurden sie in der Hand weich geknetet, ein neuer Baumwollfaden eingelegt und die Kerze brannte wieder eine Zeit.
Die Kriegsfronten kamen immer näher und die Flieger auch. In der Dunkelheit durfte kein Lichtstrahl durch das Fenster scheinen. Der Esperder Polizist ging durch das Dorf und passte auf. War ein bisschen Licht zu sehen, klopfte er gleich an das Fenster. Beim Fliegeralarm kamen die Nachbarn mit in unseren Keller. Für den Notfall waren für uns Kinder Betten und Wolldecken bereit gelegt. Bald fühlten wir uns nicht mehr sicher genug. Opa schaufelte in unserem Garten einen Laufgraben mit vielen Ecken und Winkeln. Oben abgedeckt, dass es nicht rein regnen konnte. Daneben war noch ein Loch, darin stand ein alter Waschkessel mit Wurstdosen und Deckel, mit Erde zugedeckt und mit Tannenreisig belegt. Das es ein Versteck war, erfuhr ich erst, als der Krieg vorbei war. Nach Kriegsende zog Frau Meyer mit ihren Kindern nach Hannover zurück. Auch Lenzners holten ihre Sachen. Frau Steiger blieb noch bei uns. Jetzt dachten wir an Ruhe, so war es aber nicht. Mehrere Häuser mussten geräumt werden, auch unser Haus, statt dessen zogen Soldaten ein. Unsere Mutter war oft traurig, das schöne neue Haus, gerade zehn Jahre alt und dann die dicken Soldatenschuhe. Frau Steiger und Liesel zogen in das Dorf. Wir wohnten tagsüber mit im Haus von Wollenwebers (Frau Päthe). Wir waren insgesamt neun Personen. Gegessen haben wir in Raten, zuerst wir Kinder. Schlafen durfte ich mit Mutter und Bruder bei Falke. Jeder gab sein Bestes. Zum Glück dauerte die Zeit nur sechs Wochen und wir durften wieder in unser Haus. Frau Steiger kam auch wieder zurück.
1945 und 1946 kamen Flüchtlinge (Vertriebene) aus den Ostgebieten. Die Wohnhäuser wurden jetzt wieder richtig voll, oder noch voller. Grupes Gaststube war die Sammelstelle für Esperde, der Rest fuhr nach Frenke mit dem Lastwagen. Leute hörten: "Es sind wieder Flüchtlinge gekommen". Gleich brachten sie frischen Kaffee und Essbares hin, was sie noch so hatten. Von Grupes aus wurden die Leute in die Häuser verteilt, jeder war verpflichtet, jemanden zu nehmen. Manchmal fanden die Vertriebenen leere Zimmer vor. Die Kinder wurden auf die Straße geschickt und bettelten nach Gebrauchsgegenständen. "Sogar Handtücher und eine Sammeltasse aus dem Stubenschrank war dabei", erzählt eine Betroffene heute. Im Gemeindehaus (heute Resi Fischer) wohnten drei Familien mit insgesamt acht Kindern.
Eine Gemeinschaftsküche wurde bei Heinemeyers (Kertzinger) im Schlachthaus eingerichtet. Schulspeisung gab es später bei Fischers (Wiegand), Kakao oder Milchsuppe. Das DRK verteilte Trockenmilch, Rübensaft und Honig. Bedürftige Kinder durften bei hiesigen Leuten zu Mittag essen, und bekamen zusätzlich wöchentlich ein halbes Pfund Butter und Milch. Die Milch wurde in Grupes Garage verteilt, aus Milchkannen, später in Köhlers Haus (Richter).
Es wurde ein Flüchtlingsvertreter gewählt, Franz von Kiedrowski. Hatten die Leute ein Anliegen, konnten sie sich an ihn wenden.
Familie von Marquardt war mit zwei Pferden und Wagen gekommen. Diese wurden gleich als Pferdebus genutzt, die Leute nach Hameln oder Bodenwerder zu kutschieren.
In Schüttes Haus wurde ein Mädchenheim eingerichtet. Hier wurden Mädchen ohne Zuhause betreut. Am Tage gingen sie in das Dorf und arbeiteten, wo sie gebraucht wurden, sie lockten auch viele junge Männer an.
Im Frühjahr bekamen alle Flüchtlinge einen Garten, sie wurden anschließend aufgelistet (siehe Kapitel 1.15.11). Das DRK sagte jeden Mittag um 13:00 Uhr Namen durch das Radio von Leuten, die ihre Angehörigen suchten. Es waren viele Leute, die gesucht wurden.
Die Kleidung war immer noch knapp. Die Versorgungslage war katastrophal und blieb über Jahre so. Wir hatten noch unsere Schafe. Aus Schafwolle wurde fast alles gestrickt. Wir Kinder hatten ein kleines Hemdchen und Schlüpfer an, und alles andere war aus Schafwolle. Die Stricksachen waren von der Wolle her sehr scharf. Im Winter gingen wir früh am Abend in die Stube, damit wir die Sachen wieder ausziehen konnten. Bestimmte Zuckersäcke wurden aufgerebelt, noch dünn gesponnen und verarbeitet. So entstanden die schönsten weißen Sonntagspullover. Sie wurden beim Waschen hart wie ein Brett, waren im trockenen Zustand wieder watteweich. Ob Zopf-, Loch- oder Norwegermuster, Kleider, Jacken und Mäntel ändern, eine richtige Hausfrau konnte alles.
Esperde lebte langsam wieder auf und es wurden Heimatfeste gefeiert. Wir Schulkinder sangen und lernten dabei das Deutschlandlied. Jeder suchte Arbeit. Viele Familien wanderten nach Amerika aus, sie glaubten dort eine Goldgrube zu finden. Das Ruhrgebiet war ein beliebtes Ziel. Frau Günter sagte zu meiner Mutter: "In fünfzig Jahren sind wir keine Flüchtlinge mehr."
Einige Leute kamen im Laufe der Jahre wieder nach Esperde zurück, auch der Bruder von Heiner Holtey. Er suchte hier seinen Geburtsort und Geburtshaus (Friedrich Schmalkuche). Leute, die als Vertriebene nach Esperde gekommen sind und noch oder wieder hier wohnen, werden mit Namen genannt und woher sie gekommen sind.
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Baumert, Günter |
Bunzlau, Kreis Bunzlau |
Schlesien |
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Bock, Elli |
Rosenthal, Kreis Breslau |
Schlesien |
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Boer, Ernst |
Weißstein, Kreis Waldenburg |
Schlesien |
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Boer, Friedel |
Groß Särchen, Kreis Sorau |
Brandenburg |
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Fischer, Dorothea |
Mehlsack, Kreis Braunsberg |
Ostpreußen |
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Giersdorf, Ingeborg |
Breslau |
Schlesien |
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Giersdorf, Karl-Heinz |
Neustadt |
Oberschlesien |
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Gründel, Werner |
Telz, Kreis Königswusterhausen |
Berlin |
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Günter, Frieda |
Kromenau, Kreis Hirschberg |
Schlesien |
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Heißner, Hugo |
Antonef, Kreis Litzmannstadt |
Wartegau |
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Köhler, Helmut |
Schwarzwasser, Kreis Trautenau |
Sudetenland |
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Linke, Heinz |
Vogtsdorf, Kreis Hirschberg |
Schlesien |
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Maluschka, Werner |
Buchenberge, Kreis Sorau |
Niederlausitz |
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Maluschka, Herbert |
Buchenberge, Kreis Sorau |
Niederlausitz |
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Maluschka, Dieter |
Buchenberge, Kreis Sorau |
Niederlausitz |
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Maluschka, Waltraud |
Hirschberg, Kreis Hirschberg |
Schlesien |
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Menzel, Walter |
Märzdorf, Kreis Hirschberg |
Schlesien |
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Päthe, Gertrud |
Groß Eichauf, Kreis Ohlau |
Schlesien |
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Rating, Ilse |
Kaiserswaldau, Kreis Hirschberg |
Schlesien |
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Schuster, Manfred |
Triebel, Kreis Sorau |
Niederlausitz |
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Vogt, Gertrud |
Järischau, Kreis Schweidnitz |
Schlesien |
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Wortlitzsch, Joachim |
Marienfelde, Kreis Schlochau |
Pommern |
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Zimpel, Klaus |
Forst, Kreis Sprenberg |
Niederlausitz |

Karte aus der Gefangenschaft für Fr. Gertraud Behrens, geb. Köhler
Im Kriegsjahr 1944 schöpften die Deutschen Hoffnung, der Krieg könnte bald zu Ende gehen. Menschen aus bombenbedrohten Städten und Gebieten suchten in unseren Dörfern Schutz, auch in Esperde. Die Wohnhäuser wurden voller. 1946 kamen noch Leute aus den Ostgebieten dazu. Die Häuser waren überfüllt. Die Einwohnerzahl stieg von 370 auf 990 Menschen. Gut, dass wir unsere Gemüsegärten noch hatten, sonst lebten wir von Fleisch und Brot, die wir für unsere Marken bekamen. Eier von unseren Hühnern mussten zum Teil abgeliefert werden. War ein Schwein zu schwer gefüttert, wurde es geteilt. Mit Tauschgeschäften schlugen wir uns durch, bis 1948 die Währungsreform kam. Dann fing jede Person mit 60,00 DM neu an. Für uns Kinder im Dorf waren die neuen, zugezogenen Kinder eine Bereicherung. Von beiden Seiten hatten wir uns schnell angefreundet. Sicher erlebten alle viel Neues. Wenn von der Schneekoppe erzählt wurde, hörten alle gespannt zu. Mit dem Spielzeug wurde gemeinsam gespielt. Meine Puppe teilte ich mit einem kleinen Mädchen in der Nachbarschaft. In unserer ungenutzten Werkstatt spielten wir Modenschau, mit Kleidern, Hüten und Schuhen von unseren Müttern. Wir Kindern freuten uns. Unsere Mütter und Familien dachten an die Väter und Brüder, die noch nicht zu Hause waren. Ganz zögernd über Jahre hin, kamen die meisten heim. Es wurde auf jeden einzelnen Mann gewartet. Leider kehrten 51 nicht wieder nach Esperde zurück. Es wurde lange getrauert und wenn wir daran denken, sind wir noch heute traurig. Die ersten Jahre hing für jeden Gefallenen und Vermissten ein Kreuz in der Kirche mit Namen und einer Kerze. Als in den 60er Jahren die Kirche renoviert wurde, hat der Kirchenvorstand beschlossen in der Kirche für alle Gefallenen und Vermissten beider Weltkriege je eine Gedenktafel aufzuhängen.
Beschäftigungsmöglichkeiten boten die Landwirtschaft und die Handwerksbetriebe im Dorf: Zwei Tischler, zwei Schmieden, ein Bäcker, zwei Kaufmannsläden, ein Schuhmacher, zwei Viehhändler, eine Schlachterei, zwei Hausschlachter, ein Schneider, eine Mühle und ein Friseur.
Einige schlugen sich mit Heimarbeit durch, andere fuhren nach Bodenwerder oder Hameln. Das erste Moped kam. Vorher das Fahrrad mit Motor. Das Auto und das Motorrad, dazu die passende Kleidung, Leder nicht ganz preiswert aber aktuell. In den 50er Jahren macht Deutschland sich wieder schick. Mit Tanz, Theater und Kino werden die Menschen wieder fröhlicher, auch in Esperde.

Tanzstundenabschlussball 1952
Frau Beye (genannt Fräulein Beye) war eine gute Seele im Dorf Esperde. Sie betätigte sich als Krankenschwester. Ein Arztbesuch im Haus war für viele Kranke nicht selbstverständlich, schon gar nicht in den Kriegsjahren. Fräulein Beye wußte immer Rat. Für alte und kranke Leute eine kräftige Brühe und ein selbstgebackener Zwieback half den meisten wieder auf die Beine. Hatte ein Kind Fieber, halfen Wadenwickel und Kirschen aus dem Weckglas. Bei Halsschmerzen wurde gegurgelt und Pellkartoffelumschläge gemacht. Fräulein Beye half beim Umbetten der Kranken und durfte Spritzen geben, wenn es nötig war. Sie verdiente ihr Geld auch mit Weißnähen, Bettwäsche und Unterhemden wurden geflickt und einfache Sachen selbstgenäht. Abtrockentücher und Abwaschlappen konnten aus jedem alten Stück noch genäht werden. Als Handarbeitslehrerin gab sie ihre Kenntnisse weiter an uns Mädchen. Die unteren Stufen lernten Lesezeichen basteln. Es ging weiter mit Socken stricken und Flicken auf- oder einsetzen. Eine gute Grundlage für die spätere Hausfrau.
In den 50er Jahren hatten sich auf Initiative der Familie Wind ein Theaterkreis gebildet. Unter großer Anteilnahme wurden die Veranstaltungen einmal monatlich in Hameln besucht. Nach der Vorstellung brachte ein Sonderbus die Esperder zurück. Diese Theaterbesuche fanden etwa über 10 Jahre statt.